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Ein Leben als Lebensmittel – Kurzgeschichte

Ein Leben als Lebensmittel – Kurzgeschichte

Lyrik, Philosophie

Eine wahre und erschreckende Kurzgeschichte

„Ich, das Küken.“

Dunkelheit. Alles ist wohlig warm und ruhig. Nur neben mir ruft ein Bruder nach mir. Ich liege hier in meinem kleinen geschützten Umfeld. Es ist so wundervoll und schön. Hunger kenne ich nicht und auch die Zeit spielt keine Rolle. Langsam wachse ich voran, jeden Tag ein Stückchen mehr. Mein Name wurde mir von meiner Mutter noch bei der Ablage zugerufen. Zchizchi! So nannte sie mich, aber danach hörte ich nie wieder ihre feine und so ergreifend mütterliche Stimme. Sicherlich kommt sie bald wieder. Das sage ich mir schon seid langem. Spätestens wenn ich schlüpfe ist sie da und wärmt mich.

Nach einer Weile wird es ganz schön eng in meinem kleinen Reich. Die Welt besteht bald nur noch aus Enge und Hunger habe ich auch. Mehr als vorher, denn irgendwie werde ich nicht mehr richtig satt. Es wir wohl Zeit meine kleine Welt aufzugeben, auch wenn mir eine tiefe innere Stimme immer wieder sagt, dass ich es nicht tun soll.

Ich recke und strecke mich. Etwas mach knack, und plötzlich strahlt etwas gleißendes in meine Welt. Es bricht einfach so herein und nimmt mir jedwede Sinne. So etwas habe ich bisher noch nie erlebt. Die Welt um mich herum erstrahlt in einem hellen Schein. Ob dort draussen meine Mutter steht und mich gleich unter ihre Fittiche nimmt. Aus Angst wird Freude auf das bevorstehende Zusammentreffen. Endlich darf ich sie sehen, sie anstupsen und unter ihren warmen Flügel huschen.

Aber da ist etwas anderes, etwas was mir meine Welt gewaltsam aufbricht. Das würde meine Mutter nicht machen. Es bricht sie so sorglos und so unempfindsam auf, das ich gar nicht weiß, was passiert . Ich kann nichts machen, ausser zu schreien. Aus lauter Angst entfährt mir mein erster Laut in der neuen Welt. Ein hohes und voller Angst sitzendes Tshiiiirp Tshiiiirp durchfährt den Raum. Ganz benommen kann ich gar nicht aufhören zu schreien. Nach wenigen Momenten merke ich, dass ich gar nicht alleine bin. Um mich herum sind noch weiter kleine Gestalten, so groß wie ich. Einige sind ganz apathisch von der Situation, andere rufen wild nach ihrer Mutter.

Ich werde abrupt ruhig.

Ich schaue mich um.

Es sind nicht nur 100 von Küken um mich herum, es sind 1000 wenn nicht sogar noch mehr. Geladen auf einem eisernen Boden und nirgends sind unsere Eltern zu sehen. Keine Hühner, die sich liebevoll um ihre Brut kümmert. Niemand der mich unter seine Daunen führt und mich erst einmal beruhigt um mir die Welt zu zeigen.

Die Welt ist bösartig und kalt. Ich halte mich neben meinen Brüder und Schwestern, aber niemand ist da um mich zu wärmen. Alle haben Angst und ich höre die wilden Schreie um mich herum nach ihren Müttern und Vätern. Dann ergreift mich eine Hand. Es ist etwas nichts Warmes in Ihr. Sie bringt mich nur zu einem anderen Platz, wo ich sitzen muss. Mit vielen anderen meiner Schwestern. Meine Brüder werden auf einen Nachbartisch gestellt. Ich sehe noch wie sie nach ihren Müttern rufen, dann kommt eine große Glas-Glocke. Sie wird über hunderte von ihnen gestülpt und etwas passiert.

Sie rufen…

Sie schreien…

Sie wollen raus, dann werden ihre Schreie immer leiser. Sie sacken in sich zusammen. Die Hoffnung stirbt, genau wie meine Brüder.

Die Luft wird schwer und sie japsen, versuchen zu atmen aber jeder Kampf ist zwecklos. Irgendwann liegen sie nur noch still am Boden und versuchen zu überleben, doch der Kampf ist schon verloren. Ich sehe nur noch wie ihre halb toten Körper in eine große Maschine geschoben und zerschreddert werden.

So viel Schmerz ist in meinem Herzen. Haben Sie es den verdient? Was passiert wohl mit mir? Ich werde über eine fahrende Maschine geschickt und bald hocke ich in einer großen Anlage. Alle meine Schwestern mit mir. Wir versuchen wach zu bleiben. Gerade eben sind wir doch erst dem Leben entgegen geeilt und nun stehen wir schon am Abgrund. Das war und noch nicht klar, bis die Welt uns die Wahrheit offenbarte.

Essen kommt im Überfluss, keine von uns Schwerstern weiß warum. Wir hocken nur da und fressen. Auf kantigen Böden, die uns die Füße aufreissen. Ich entschließe mich nicht mehr zu gehen, was einige von meinen Schwestern nicht machen. Schwi Schwi, eine gute Schwester, wollte sich bewegen und bricht sich dabei einen Zehen. Er steht ganz böse nach oben ab aber niemand kommt um ihr zu helfen. Sie schreit vor schmerzen und sie blutet. Was ist das nur für ein Schicksal. Ich träume von Wiesen von wilden Weiden von wohl behüteten Zeiten.

Aber niemand hilft mir.

Neben mir reissen sich meine Schwestern vor Angst die langsam gewachsenen Federn aus der Haut. Sie bluten über die Flügel, die niemals die Lüfte fühlen werden.

Jetzt weiß ich was dies ist – es ist das Leben einer Legehenne, die nur zum Zwecke der Ei-Ablage überlebt.

By Jürgen La-Greca | Snowwulf

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